Schriftklassifikationssysteme

Die Schriftklassifikation nach DIN 16 518 stammt aus dem Jahr 1964 und ist alles andere als zeitgemäß, darüber sind sich fast alle einig. Doch was ist die Alternative? Der 1998 erstellte Entwurf der DIN-Komission ist kaum bekannt und hat sich auch über das Entwurfsstadium hinaus nicht durchgesetzt.

Welche anderen Systeme gibt es international, welche Alternativkonzepte (z.B. von Beinert, Bollwage, Kupferschmid, Bollwage, Wilberg) gibt es?

Und wie kann man die Kriterien der Klassifikation verständlich in Ausbildung und Studium vermitteln?

 

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Schriftklassifikation DIN 16 518 – eine Kritik

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Die Aufteilung in 11 Gruppen aus dem Jahr 1964 ist veraltet und wurde von den Entwicklungen des Typedesigns der letzten Jahrzehnte überholt. Während in der DIN-Fassung noch die Gebrochenen Schriften in 5 Untergruppen gegliedert werden, gibt es bei serifenbetonten Schriften und den Groteskschriften keine Unterscheidungen, die aber ebenfalls nötig wären.

So werden die konstruierte »Rockwell« und die »Clarendon« mit eindeutigem Antiqua-Charakter unter der Rubrik »Serifenbetonte Linear-Antiqua« zusammen gefasst. Dabei sind die Strichstärken der »Clarendon« gerade nicht 100% als linear – sprich gleichförmig – zu bezeichnen.

Auch die Mischung von historischen Kriterien und Formkriterien ist verwirrend für die Klassifizierung und für die Vermittlung im Unterricht. So entsteht die Situation, dass eine Schrift wie »Bembo«, basierend auf den Entwürfen vom venezianischen Schriftgestalter Francesco Griffo, nicht unter der venezianischen, sondern nach der DIN unter der französischen Renaissance-Antiqua eingeordnet wird.

Auch die Bezeichnung Barock-Antiqua ist zwar zeitlich korrekt eingeordnet, aber die Formsprache einer »Caslon« oder »Baskerville« hat wenig mit dem zu tun was man üblicherweise von Barock in Kunst und Architektur kennt.

Viel mehr stellen diese Schriften ja einen Übergang zwischen den Renaissance-Schriften und den Klassizistischen Schriften dar. Im englischsprachigen Raum werde diese darum meist – wesentlicher sinnvoller – als Transitional, also Übergangsschriften, bezeichnet. Eine wie ich finde keineswegs abwertende Begrifflichkeit.

 

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Schriftklassifikation nach Hans Peter Wilberg

Hans Peter Wilberg hat 2001 in seinem Buch »Wegweiser Schrift« versucht mit seinen beiden Aspekten Form und Stil die Schriftklassifikation durchschaubarer zu machen. Wobei sein Ziel keine neue Klassifikation im eigentliche Sinne war.

Darum schreibt er:
»Ich mache mit diesem Kapitel nicht einen neuen Vorschlag für eine strenge, lückenlose Klassifizierung. Ich versuche nur, einen Wegweiser in der Flut der Schriften zu errichten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.«

Ausgehend von Form und Stil erstellt er eine vereinfachte Matrix zur Übersicht.
Mit Form sind die formalen Schriftmerkmale der Hauptgruppen wie Antiqua, Grotesk, Egyptienne, Schreibschrift und Fraktur zusammengefasst. Die Stilkriterien sind für Wilberg dynamisch, statisch, geometrisch, dekorativ und provozierend.

Diese Matrix (PDF-Anhang) enthält jedoch nicht die Untergruppen auch nicht den Aspekt der Schriftsippen, diese sind aber in der ausführlichen Beschreibung aufgeführt.

 

Ausführliche Unterteilung nach Wilberg

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1. Antiqua
1.1 Dynamische Antiqua
1.1.1 Dynamische Antiqua, frühe Form
1.1.2 Dynamische Antiqua, späte Form

1.2Statische Antiqua
1.2.1 Statische Antiqua, Zeitungsschriften

2. Varianten
2.1 Antiqua-Variante
2.2 Egyptienne-Variante
2.3 Grotesk-Variante

3. Grotesk
3.1 Dynamische Grotesk
3.2 Geometrische Grotesk
3.3 Statische Grotesk
3.3.1 Statische Grotesk, Amerikanische Grotesk

4. Egyptienne
4.1 Dynamische Egyptienne
4.2 Geometrische Egyptienne
4.3 Statische Egyptienne
4.3.1 Statische Egyptienne, Clarendon

5. Schreibschrift
5.1 Gliederung nach dem Stil
5.1.1 Stilistisch zu den dynamischen Schriften passend
5.1.2 Stilistisch zu den statischen Schriften passend

5.2 Gliederung nach dem Schreibwerkzeug
5.2.1 Breitfeder, Rohrfeder, Breitpinsel (Bandzug)
5.2.2 Spitzfeder (Schwellzug)
5.2.3 Redisfeder (Schnurzug)
5.2.4 Pinsel
5.2.5 Filzschreiber u. Ä.

5.3 Gliederung nach dem Schriftcharakter
5.3.1 Satzschriften mit Schreibschriftcharakter
5.3.2 Charakter spontaner Handschriften

6.Dekorative Schriften
6.1 Dekorierte Alphabete
6.2 Nostalgische Schriften
6.3 »Starke« Schriften
6.4 Provozierende Schriften

7.Fraktur
7.1 Gotisch
7.2 Rundgotisch
7.3 Schwabacher
7.4 Fraktur

8.Schrift-Sippen
8.1 Statische Sippe
8.2 Dynamische Sippe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schriftklassifikation nach Indra Kupferschmid

Indra Kupferschmid, Professorin für Typografie an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken, hat in ihrem Buch »Buchstaben kommen selten allein« den von Hans Peter Wilberg begonnenen Klassifikationsansatz aufgegriffen und erweitert.

Eine Zusammenfassung ist auf ihrem Weblog zu finden.

Kupferschmid und Wilberg gehen beide davon aus, dass der Strichkontrast und dessen Verlauf im Buchstaben wesentliche Kriterien der Unterscheidung sind. Und dass dadurch drei Grundprinzipien – dynamisches, statisches und geometrisches Formprinzip – entstehen, nach denen sich alle Schriften klassifizieren lassen.

  • Das dynamische Formprinzip basiert auf dem Schreiben mit der Breitfeder, Schriften mit Renaissance-Charakter
  • Das statische Formprinzip rührt vom Schreiben mit der Spitzfeder, Schriften mit klassizistischer Charakter
  • Das geometrische Formprinzip ist inspiriert vom Schreiben mit der Redisfeder, wodurch kein Strichkontrast entsteht und Schriften konstruiert wirken.
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Schriftklassifikation nach Max Bollwage

Max Bollwage, Typograf, Dozent und Autor, hat erstmals im Gutenberg-Jahrbuch im Jahr 2000 seinen Klassifikationsansatz veröffentlicht. Auch in seinem Buch »Typografie kompakt« ist es ausführlich vorgestellt. Bollwage konzentriert sich auf die Formkriterien von Schriften und bildet vier Haupt- mit je fünf Untergruppen.

Die Hauptgruppen nach Bollwage sind humanistische, klassizistische, freie und geschriebene Formen; Die Untergruppen werden nach den Strichstärkenkontrasten unterschieden.

Das PDF im Anhang bietet eine Übersicht zu Bollwages System.

 

Kritische Bemerkungen

Verwunderlich ist, dass Bollwage auf geometrische oder konstruierte Formen nicht eingeht und diese weitgehend unter dem Dach der klassizistsichen Formen zusammen fasst.

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Schriftklassifikation nach Michael Worgötters TypeSelect-Fächer

Michael Worgötter hat vermutlich kaum in erster Linie die Aufteilung seines Schriftenfächers »TypeSelect« entwickelt, um ein neues Klassifikationssystem zu zeigen, sondern um die präsentierten Schriften übersichtlich zu gliedern. Er geht dabei ähnlich vereinfachend vor wie dies bei den meisten Schriftherstellern vorzufinden ist.
 

1. Serif

2. Slab Serif

3. Sans Serif

4. Blackletter

5. Script

6. Display

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Schriftklassifikation nach Wolfgang Beinert

Wolfgang Beinert, Grafikdesigner und Typograf aus München/Berlin, hat 2001 erstmals seine »Matrix Beinert« als Alternative zu den bisherigen Ansätzen der Schriftklassifikation veröffentlicht und 2006 überarbeitet.

In seiner Matric hat er die Schriftn in neun Hauptgruppen unterteilt:

  1. Antiqua [Druckschriften mit Serifen]
  2. Egyptienne [Druckschriften mit betonten Serifen]
  3. Grotesk [Druckschriften ohne Serifen]
  4. Corporate Typography Fonts [Schriftsysteme, CD-Schriften, DIN- ISO- und OCR]
  5. Zierschriften [Decorative, Display, Schreibmaschinen- und Digitale Schreibschriften]
  6. Bildschirmschriften [Pixel- und World Wide Web-Fonts]
  7. Gebrochene Schriften
  8. Nichtrömische Schriften
  9. Bildzeichen (Piktogramme, Ornamente, Zierrat, Logos usw.)
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Schriftklassifikation nach Zürcher Hochschule der Künste/Zürcher Fachhochschule

Der Schriftenfächer der Zürcher Hochschule der Künste/Zürcher Fachhochschule gliedert die Schriften nach folgenden Kriterien. Diese Kriterien liegen auch dem veröffentlichten Schriftenfächer zu runde:

1. Vor Gutenberg
1.1 Römisch
1.2 Frühchristlich
1.3 Frühromanik
1.4 Gotik

2. Gotisierend
2.1 Gotik
2.2 Renaissance

3. Antiqua
3.1 Renaissance
3.2 Barock
3.3 Klassizistisch

4. Serifenbetont
4.1 Egyptienne
4.2 Clarendon
4.3 Italienne
4.4 Varianten

5. Serifenlos
5.1 Ursprüngliche Grotesk
5.2 Geometrische Grotesk
5.3 Serifenlose Antiqua

6. Schriftsippe
6.1 zweigliedrig
6.2 dreigliedrig
6.3 viergliedrig

7. Dicktengleich
7.1 Serifen
7.2 Serifenlos

8. Handschriftlich
8.1 Spitzfeder
8.2 Breitfeder
8.3 Pinsel
8.4 Redisfeder
8.5 Filzschreiber

9. Dekorativ
9.1 Zierschrift/Dekorativ
9.2 Schablone/Stempel
9.3 Geometrisch
9.4 Raster/Punkt
9.5 Amorph
9.6 Varianten

10. Bildschirm
10.1 Pixel

11. Symbole
11.1 Sonderzeichen
11.2 Piktogramme

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Schriftklassifikationsysteme im Vergleich

Neben der Schriftklassifikation nach DIN 16 518 aus dem Jahr 1964, gibt es außerhalb von Deutschland noch ganz andere Kategorisierungsanssätze von Schriften. Basis für das PDF Schriftklassifikationssystem ist eine Zusammenstellung Georg Kurt Schauer unter Benutzung der Tabellen von M. H. Groenendall, Rudolf Hostettler,
Aldo Novarese, G. Willem Ovink und Maximilien Vox.

Auffällig dabei sind die unterschiedlichen Benennungen der Kategorien, die häufig durch nationale Schrifttraditionen beeinflusst sind. So werden klassizistische Schriften in Frankreich als »Didones« (nach Firmin Didot), in Italien dagegen als »Bodoniani« (nach Giambattista Bodoni) bezeichnet.

Der Kategoriename »Garaldes« (o.ä.) für französische Renaissance-Schriften geht auf Claude Garamond zurück während Aldo Novarese diese Schriften »Elzeviri« nach dem niederländischen Verleger Louis Elzevir nennt.

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Vermittlung der Schriftklassifikation im Unterricht

Wie kann man Schriftklassifikation so vermitteln, dass man wegkommt vom Auswendiglernen und zum Verstehen gelangt.

Verschiedene Ansätze zur Vermittlung

1. Schreibwerkzeuge
Verständnis für die Bedeutung der Schreibwerkzeuge bei der Entwicklung der Buchstabenformen.

1.1. Eine spielerische Übung zum Einstieg.
Die Azubis/Studenten sollen alles was irgendwie als Schreibwerkzeug (Feder, Pinsel, Lippenstift,  Klebestift, Edding, Beistift, etc.) geieghnet ist mitbringen und mit den verschiedenen Werkzeugen dann das jeweis gleiche Wort schreiben. Im Anschluss kann man über die Unterschiede der Buchstabenformen, die durch das Schreibwerkzeug entstanden sind, diskutieren. Die Azubis/Studenten können sich dann noch eine Mappe anlegen und beschreiben in eigenen Worten, wie sie die Unterschiede wahrnehmen.

2. Schriften ordnen nach optischen Kriterien
Bevor man theoretisch die Schriftklassifikation vermittelt, ist es ganz sinnvoll, wenn die Auszubildenden oder Studenten sich erst ein eigenes »Bild« davon machen. Dazu kann man Schriftkärtchen aus möglichst vielen unterschiedlichen Schriftgruppen verteilen. Je ein Satz pro Gruppe (etwa 5 Personen). Aufgabe ist es den Stapel von etwa 60 Karten so nach Gruppen zu sortieren wie sie es empfinden und wo sie optische Unterschiede erkennen. Jede Gruppe soll dann ihre »Ordnung« vorstellen und begründen.

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